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Das TESTAMENT von Jo Treibholz

Vorwort von Jo Dummkopf

Lieber Leser dieser Homepage, leider ist deren Autor Jo Treibholz am 15. Januar 2017 gestorben. Er hat es geahnt und schrieb daher noch gerade an einer Art Testament à la Abbé Meslier, als es aber früher, als er erwartet hatte, geschah. Die ersten beiden, eigentlich völlig unwichtigen Kapitel - vor allem das erste geriet ihm zu ausführlich - liegen vor, es fehlt das dritte Kapitel über das Natur-Kensho, das wichtigste.

Ich, der ich Jo Treibholz' Nachlass verwalte, Jo Dummkopf, weiss ungefähr, was er noch schreiben wollte, übrigens per Hand 3 mal. Ich werde mich aber hüten, das für ihn zu übernehmen. Sowohl inhaltlich als auch handschriftlich.

Ich werde mir auch nicht erlauben, das erste Kapitel - Die kriminelle Erleuchtung - ein wenig zu kürzen, beim zweiten - Die Fake-Erleuchtung - hat er das noch selbst besorgt. Das dritte Kapitel über seinen Meister Nakagawa Soen-roshi Drachenwesen und dessen missratene Schüler, zu denen sich Jo Treibholz auch selber zählte, existiert nur eher stichwortartig und jeder mag es sich selbst vervollständigen, wobei vielleicht die Fotos von Soen-roshi mehr sagen als weitschweifige Worte und das apokryphe Soen-roku, das Jo Treibholz vor vielen Jahren verfasst hat, zusammen mit einem neuen Vorwort und das ich gelegentlich zur Abrundung des dritten Kapitels dem Testament von Jo Treibholz anfügen will, hilfreich sein könnte. Vor allem dessen Konklusion: Ein Boddhisattva verzichtet auf die Erleuchtung. Wogegen das traditionelle Dogma bekanntlich lautet: Er verzichtet auf's Nirwana.

Einem Buddhismus-Kenner muss man da nicht erklären, dass damit der gesamte Buddhismus, der bereits sämtliche Religionen obsolet gemacht hatte, nun seinerseits sich selbst ad acta gelegt hat.

So abstossend und den Buddhismus diskreditierend das Verhalten einiger von Soen-roshis Schülern auch erscheinen mag - Christopher Hamacher hat Eido Shimano in seinem Essay "Zen hat keine Moral" ausführlich geschildert, der Titel hätte besser gelautet: Satori, die Erleuchtung hat keine Moral. Jo Treibholz schilderte sein Entsetzen, als er einmal Etwas in Suzuku Sochus, Soen-roshis Nachfolger als Klosterabt, grossen Raum über der Klosterküche tragen musste: Der grösste denkbare Kontrast zu Soen-roshis kleiner Hütte hoch über dem Kloster. Dabei hat Sochu damals durch seine Aufmerksamkeit Jo Treibholz' Leben gerettet, weshalb Jo ihm tief verpflichtet war. Er hat ihn bei mehreren Besuchen in Deutschland in jeder Weise unterstützt, - so abstossend also das Verhalten einiger von Soen-roshis Schüler erscheinen mag, so ist Soen-roshis Lehre der wirklich totale und endgültige Todesstoss für jede Form von Buddhismus und für jede Religion überhaupt.

Vorwort von Jo Treibholz

Liebe 3 Leser meiner homepage, da es sich verbot und auch zu gefährliche und schlimme Folgen - siehe weiter unten über die "universale Liebe" - für mich gehabt hätte, euch während ich noch lebte, offen zu sagen, was ich wirklich über eure Religionen, insbesondere über eine atheistische Variante dachte, - und zwar aufgrund von eigener Erfahrung - habe ich beschlossen, es euch wenigstens nach meinem Tode zu sagen.

So will ich mich nun hinsetzen, ungeachtet meines schwindenden Augenlichts, Verstandes und Erinnerungsvermögens, nein vielmehr gerade deswegen, und mit rheumatischer Hand, wenn möglich 3 Exemplare anfertigen, (wie im Vorwort berichtet, hat Jo Treibholz das nicht mehr geschafft, J. D.) damit das enge Türchen zur verantwortungsvollen Freiheit von ausnahmslos allen Religionen aufgestossen werde. Es kann aber auch sein und ist sogar sehr wahrscheinlich, dass ich euch, liebe 3 Leser, damit keinen Gefallen tue, im Gegenteil, dass ich euch verärgere, wütend mache und so herausfordere, wie es mir zu meinem Entsetzen bei einer langjährigen und engen Seelenfreundin geschah, der ich eine kleine Kostprobe dessen, was ich unten weiter ausführen will, gegeben hatte.

In grosser Not durch hohes Alter und schwerkranken Mann hatte sie Trost in einem Satz eines Zen-christlichen Mönchs gefunden und verteilte nun Zettelchen mit eben diesem schönen Ausspruch, der grosses Glück und nie endendes spirituelles Wachstum verhiess.

Unten sollte ich gestehen, welcher Teufel mich geritten hat und heute bei der Niederschrift dieses Testaments wieder reitet, dass ich den Seelen-tröstenden Mönch als Rattenfänger bezeichnete und seine Lehrer als Lügner. - Die Bezeichnung Rattenfänger bezieht sich auf ein Märchen über einen Verführer von Kindern, dessen Beruf zufälligerweise das Fangen von Ratten gewesen war. - Mit Fug und Recht schlug die einst enge Seelenfreundin, als sie mich rauswarf, die Haustür mit aller Kraft und einem grossen Knall hinter mir zu und brüllte dabei: Ich verwirkliche doch die universale Liebe und du kennst nur Hass und Neid!

Ein wenig erinnerte mich das an die gewalttätigen Reaktionen von Gott-Gläubigen auf eine treffende Zeichnung eines Karikaturisten, der durch ein Bild des Propheten dieser Religion mit einem Turban in Form einer Bombe auf das latente Gewaltpotential dieser wie aller Religionen hingewiesen hatte. Um zu beweisen, dass sie überhaupt nicht gewalttätig, sondern friedfertig seien, zündeten die erzürnten Gläubigen die Botschaft des Heimatlandes des Zeichners an und töteten mehrere Menschen und versuchten auch den Karikaturisten zu töten.

So schlimm wird es nicht kommen. Aber mit sozialer Ausgrenzung und Verachtung muss ich wohl schon rechnen, wenn ich auf obige Weise fortfahre. Den monotheistischen Religionen wird gemeinhin aufgrund eben dieser Fokussierung auf einen einzigen Gott und folglich auf eine einzige Wahrheit Intoleranz und viele andere schlimme Folgen angelastet. Meine Erfahrung ist aber, dass der Bonus, den diesbezüglich polytheistische, atheistische und Naturreligionen erhalten, unbegründet ist. Ausnahmslos alle Religionen sind Urheber von Ausgrenzung, Intoleranz, Gewalt und Ausbeutung.

Doch HALT, liebe 3 Leser, jetzt bin ich viel zu weit gegangen auf intolerante Weise! Nun ist aber Schluss! Ursprünglich wollte ich hier ein Passwort eingebaut haben. Aber das geht leider nicht bei einem handgeschriebenen Testament... (und ist nach Jo Treibholz' Ableben auch nicht mehr nötig. J. D.) Daher setze ich auf Vertrauen und den guten Willen der Menschen. Erst wenn ihr, liebe 3 Leser, die Todesnachricht erhalten habt, wenn ich also endgültig Abschied genommen habe, dann erst dürft ihr mit Lesen fortfahren.

Worum geht es?

Um Buddhismus, speziell Zen-Buddhismus. Und da nicht eigentlich um dessen Lehre, besser Nicht-Lehre, die Leere. Es geht um die Menschen dahinter. Und dazu gehöre ich alter Esel zuallererst! Inzwischen ist Zen-Buddhismus bei uns schon so bekannt und geachtet, dass das Wort Zen für die allerunmöglichsten Dinge zur Verkaufsförderung missbraucht wird. Und zur Status-Hebung und als Bildungsbeweis. Solche Leute fragen, wenn sie hören, dass ich 4 Jahre bei und in einem japanischen Zenkloster gelebt habe, ob es wohl zur Erleuchtung gereicht hat. Leider nicht, ist dann immer meine Antwort, aber richtiges Putzen habe ich dort gelernt. Letzteres stimmt wirklich.

Alle Zentempel werden mit Hingabe geputzt. Die Shoji mit Staubwedeln geschlagen, Tatami in der richtigen Richtung und die Gänge gefegt, anschliessend nass gewischt, den Lappen in der Hand und gebückt rennend. Um den Tempel herum mit Bambusbesen gefegt, sodass am Aufstiegsweg meines Klosters die Baumwurzeln freilagen...

Es war aber in meinem Kloster, dass der Altabt gemahnt hatte, mit der richtigen Einstellung zu putzen. Schmutz sei an sich nichts Schlechtes, sondern möglicherweise z.B. Schuppen unserer Haut, Fusseln unserer Kleider oder Staub vom Grab des Tempelgründers direkt hinter der Haupthalle. Also mit Achtung und Ehrfurcht sollten wir putzen. Mit der gleichen Achtung sollten wir meditieren, denn die Gedanken, die wie Affen rumspringen, seien ebenso wenig schlecht wie der Schmutz. Wahnsinn und womöglich erhebende und umwälzende Gedanken sind doch auch die Erleuchtung!

Das Risiko bei der Erleuchtung ist ja das Gleiche wie beim Putzen und Fegen, die Übertreibung. Die Wurzeln der Bäume neben dem Tempelaufgang werden freigelegt, die Halt gebende Erde zusammen mit dem Laub und anderem "Schmutz" weggefegt, bis zuletzt der Baum seinen Halt verliert und in Gefahr gerät, umzustürzen.

Inzwischen ist das Wissen um diese grosse Gefahr bei den monotheistischen Religionen fast schon Allgemeingut. Nach einem anfänglichen Aufschwung zu Friede und Liebe führte die Erleuchtungserfahrung der Propheten zuletzt regelmässig furchtbar in die Irre. Von den schrecklichen Nachfolgern und rigiden Institutionen garnicht zu reden. DOCH! Genau darum geht es jetzt hier! Und zwar bei der Religions-Variante, die Religionskritiker von ihrer allgemeinen Kritik oft ausnehmen, dem Buddhismus. Anhand von Schilderungen realer Personen und eigenem Erlebens will ich zeigen, dass gerade die Erleuchtung, die das zentrale Anliegen dieser Religion ist, zugleich die zentrale Schwachstelle, ja tödliche Gefahr darstellt.

Ein kurzer Einschub zur berechtigten Frage: Wer schreibt hier?

Einer dessen Meister und dessen Nachfolger ihm diese sogenannte Erleuchtung bestätigt haben und der dieses von vielen so heiss ersehnte Erbe aber ausschlug. Nur hier nach seinem Eintritt in die Verwandlung - wie die Buddhisten sich ausdrücken - sei es den 3 Lesern offenbart, ohne dummen Stolz aber auch sine ira et studio, sondern als Garant für echte und eigene Erfahrung. An Hand von einigen traurigen Beispielen will ich schildern, dass auch - und besonders! - diese von vielen als die letzte überhaupt mögliche Religion angesehene, nicht weniger in die Irre führt als all die anderen Formen von Religion. Dabei will ich die geschilderten Personen grundsätzlich wohlwollend betrachten, denn sie haben möglicherweise nicht eine gute Sache missbraucht, sondern sie wurden eher von einem gefährlichen Strudel, genannt Erleuchtung, mitgerissen, der Anhalten oder gar Umkehren fast unmöglich macht.


Erstes Kapitel

Die kriminelle Erleuchtung

Die erste Geschichte, die ich erzählen will, habe ich bereits schonmal handschriftlich aufgeschrieben und zwar auf Seite 54ff im Doppelheft 2/3 vom spurlosen Pfad, 1990/95. Allerdings hat sich mein Blickwinkel inzwischen verschoben. Die Ursache oder besser gesagt die Schuld für die dort berichtete kriminelle Tat sehe ich heute nicht mehr vorrangig bei dem Zen-Lehrer des Täters, sondern bei mir, weil ich nicht eingeschritten bin und den Täter aus dem Strudel der Erleuchtung herausgezogen und zur Umkehr verholfen habe oder falls das unmöglich gewesen wäre, mutig die gestohlene Buddha-Statue aus dem Schrein in der Wand des Wohnzimmers in der Oberpfalz, wo ich sie gezeigt bekam, heraus und an mich genommen hatte, um sie nach Japan zurück zu bringen. Hier möchte ich die Betonung stärker auf die sogenannte Erleuchtung selbst legen und zur Verdeutlichung vom "Winkerl" erzählen. Schon damals hatte ich den Bezug Schuld-unfähiger Geisteskranker/Erleuchtung gesehen, aber nicht klar genug benannt.

Ich will kurz die Geschichte des Diebstahls der Buddha-Statue rekapitulieren. Vorher aber noch zwei Hinweise geben: In einem sehr informativen Buch über Zen hat ein deutscher Experte sich auf bemerkenswerte Weise über Moral geäussert. Durch die Erleuchtungserfahrung werde der Betroffene gleichzeitig wie von selbst zu einem hochmoralischen Wesen. Ach, wenn es doch so wäre. Vor allem auf Dauer!

Bekanntlich wird die wackelige Moral der Erleuchteten ebenso oft angeprangert wie das Fehlen von Empathie, Mitgefühl. Eine gewisse Korrektur dieses drohenden Holzweges kommt aus dem Zenbuddhismus selbst, wenn dort immer betont wird, dass zazen, Meditation, nach der Erleuchtung eher noch wichtiger sei als zuvor. Die Frage ist aber offen, ob - bei allen unbestreitbaren positiven Wirkungen - zazen da eine Hilfe darstellt. Und ob es gegebenenfalls verschiedene Arten von zazen gibt...

Der zweite kurze Hinweis auf eine unter Psychologen kursierende Aussage: Zazen sei die sicherste Methode, um verrückt zu werden.

Gemeint ist damit unter anderem der Mangel an Selbstverantwortung. - Als ich einmal vor Frau D'Ortschy bewundernd erwähnte, welch grosse und hingebungsvolle Zengemeinschaft sie aufgebaut habe, sagte sie: Ich habe überhaupt nichts dafür getan!

Der junge erleuchtete Bayer, der aus einem kleinen japanischen Dorftempel eine Buddhastatue klaute, hatte vielleicht auch nichts getan, jedenfalls nichts Unrechtes. Er zitierte: Triffst du den Buddha, dann schlag' ihn tot. Und ein im Winter frierender Zenmönch habe ohne Skrupel eine hölzerne Buddhastatue verheizt, um sich zu wärmen. Dieser kriminelle erleuchtete Tempeldieb aus Bayern war Schüler des Zen-Jesuiten Lasalle, der viel auf ihn hielt.

Nach Japan war der junge Bayer gekommen, um den dortigen Zenbuddhisten seine Erleuchtung vorzuführen. In seinem Überschwang demonstrierte er während einer furiosen Diskussion mit einem typisch japanischen, bedachtsamen und Traditions-gefangenem Zenmeister seine, wie er meinte, Überlegenheit und geistige Freiheit in einer so rücksichtslosen Weise, dass die übersetzende Japanerin mehrmals ausrief: "Das kann ich nicht übersetzen." Bis sie weinend zusammenbrach. Triumphierend schritt der Bayer davon, völlig ignorant dafür, was er angerichtet hatte.

Ignorant war er auch dafür, was für eine Statue er da geklaut hatte und warum sie in dem kleinen Tempel wie vergessen oder weggeräumt irgendwo in der Ecke gelegen hatte. Wäre sie auf dem Altar gestanden, dann hätte er sie wohl nicht weggenommen. Leider wusste er ja nicht, dass diese Bronze-Figur des Buddha-Baby nur beim Hanamatsuri, dem Fest Buddhas Geburt, hervorgeholt wird. Ähnlich wie bei den Christen ist das ein fröhliches Kinderfest. Die Anhänger der kleinen Landtempel bauen dafür ein Blumen-geschmücktes Häuschen, in das diese Figur gestellt wird und mit süßem Tee - Amasake - übergossen. Allerdings sieht der neugeborene Buddha nicht wie das Christkind wie ein Baby aus, sondern wie ein kleiner Erwachsener steht er aufrecht da und zeigt mit dem rechten Arm nach oben, mit dem linken nach unten.

Nur in grösseren, bewohnten Tempeln oder in Klöstern kann man diese bei uns wenig bekannte Figur nicht nur am 4. Mai sehen, sondern das ganze Jahr über, weil sie gewöhnlich im Eingangsbereich des Tempels einen eigenen kleinen Schrein hat. Es ist also das erste Bildnis des Buddha, das ein Kloster-Besucher zu sehen bekommt.

Als ich vor fast 50 Jahren den Tempeldieb in seiner bayerischen Heimatstadt besuchte, stand an der Hauptstrasse des Ortes ein zwergwüchsiger Mann in genau der Haltung des neugeborenen Buddha, nur dass seine Hände nicht nach oben und unten deuteten. Er winkte mit der erhobenen Hand und hiess daher allgemein nur "das Winkerl". Der bayerische Zen-Adept erzählte mir später, - was wohl eine Legende ist - seinerzeit habe Aurobindo diese kleine Stadt mit einem Auto besucht und aus dem Autofenster heraus ausgerechnet diesem retardierten und kleingebliebenen Kind huldvoll zugewinkt. Seitdem stünde das Winkerl, Tag für Tag und bei jedem Wetter an der Strasse und winke unermüdlich jedem vorbeikommenden Auto zu, wie ja auch meinem.

Als ich das Haus des bayerischen Zen-Adepten gefunden hatte und ins Wohnzimmer gebeten worden war, sah ich staunend - es war ein trüber, dunkler Tag - einen erleuchteten Schrein in der Wand, worin die bronzene Figur des Buddha-Baby stand. Die Legende, die der Bayer damals nicht kannte, besagt, dass der Buddha, kaum geboren, sogleich je 7 Schritte in die Haupt-Himmelsrichtungen gegangen sei, um danach in der Mitte stehend mit einem erhobenen und einem herabhängenden Arm und dabei jeweils hoch und nieder deutend, verkündet habe: "Ich bin der einzig Erhabene zwischen Himmel und Erde. Alle 3 Weltzeiten, die vergangenen, die gegenwärtige und die zukünftigen sind im Leid, ich werde ihnen Ruhe geben."

Wilhelm Gundert, der Übersetzer und Deuter des Bi Yän Lu (Hekiganroku) erklärt zum 7. Koan dieses Weisheitsbuches des Zen: "Ein Sätzchen ist hier einem Kinde in den Mund gelegt, das nie ein Mensch in Worten aussprechen kann, er werde denn im selben Augenblick zum Irren oder Lügner." Oder, so sei hinzugefügt, zum Buddhastatuen-Dieb.

Dieses Sätzchen muss aber einmal ausgesprochen werden und zwar gibt es dafür einen besonderen Rahmen, das sogenannte Dokusan, die Privataudienz beim Zenmeister, denn dieses wahnsinnige Sätzchen ist nichts anderes als die Beschreibung der Erleuchtung. Dieser ungeheuerliche seelische Durchbruch ist der entscheidende Moment für den Zen-Adepten aber genau so für seinen Zen-Meister, dessen dringlichste Aufgabe es nun ist, den Schüler, der endlich seine eisernen Ketten gesprengt hat, mit allen Mitteln daran zu hindern, sich nun die goldenen Ketten der Erleuchtung selbst anzulegen. Wie einer der grössten chinesischen Chan-Meister bemerkte: "Wäre ich damals dabei gewesen (als das Buddha-Baby diesen grössenwahnsinnigen Satz aussprach), ich hätte das vorlaute Bürschchen auf der Stelle erschlagen." Der Statuen-Dieb dieser Geschichte kannte diesen Ausspruch nicht, aber er hätte ihn - missverstehend - sicher gerne zu seiner Rechtfertigung genutzt. Der verkommene Hauptschüler meines Meisters, der Schülerinnen sogar im allerheiligsten Dokusan-Raum vergewaltigt hat, und über den ich weiter unten berichten will, hat möglicherweise sogar gemeint, richtig zu handeln. Im zweiten Beispiel der "Donald Trump des Buddhismus" hat seine Schülerin immerhin geheiratet. Jedenfalls ist der allergrößte Versager, der, der damals in der kleinen Stadt des Winkerls vor der gestohlenen Buddha-Figur als beleuchtete Dekoration im Wohnzimmer stand und die Bronzestatue nicht aus der Nische nahm und nach Japan zurück brachte, der Schreiber dieser Zeilen. Der Statuen-Dieb hätte es nicht gewagt, ihn zu hindern, so wie er es nicht gewagt hatte, die sowjetischen Zöllner auf seiner Heimreise durch Sibirien zu hindern, als die ihm eine zweite Statue, die er aus einem anderen Dorftempel ebenfalls gestohlen hatte, wegnahmen.

Das Konzept des Zufalls ist eine kulturelle Errungenschaft und muss auf jeden Fall hochgehalten werden, wenn ich nun den weiteren Verlauf der Geschichte schildere. Japaner lieben nichts mehr als solcherart Gespenstergeschichten. Wir aber müssen nüchtern bleiben und es zum Anlass nehmen, die frappierende Koinzidenz zu sehen und allenfalls die Mahnung zur Unterscheidung zwischen genuinem Wahnsinn und induziertem Erleuchtungswahn erkennen und beherzigen. Es geschah nämlich wenige Tage danach, und wäre auch geschehen, wenn ich die Statue weggenommen hätte, um sie zurück zu bringen, dass ein schuldunfähiger Geisteskranker, ein Seelenverwandter des Winkerls oder gar es selbst, unbemerkt in das Haus des Buddhastatuen-Diebes eindrang und dort auf bestialische Weise dessen erstes und einziges Kind ermordete. Der Buddhastatuen-Dieb fand das Baby tot in seinem Blute liegend unter dem Schrein, in dem das gestohlene Buddha-Baby stand.

Das Winkerl stand danach wie immer an der Hauptstrasse, ungerührt und eifrig jedem vorbeifahrenden Auto, in dem er Aurobindo wähnte, ehrfurchtsvoll winkend.

Wenn ich diese Geschichte Japanern erzähle, dann rollen sie gewöhnlich mit den Augen und heben den Zeigefinger. Gefangen in religiösem Aberglauben verknüpfen sie Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, den Diebstahl und den Kindermord. Dann kann ich nicht anders, ich muss zu dem Buddha-Dieb halten und ihm Recht geben. Aber wenn aufgeklärte Hörer ihre Freiheit von solcher archaischer, religiöser Gefühlsduselei demonstrieren und von absurdem Zufall reden, dann muss ich erst recht zu dem Buddhadieb halten. Denn es ist wie gesagt der mitreissende, gefährliche Strudel der Erleuchtung, in den er geraten war und aus dem ich ihn nicht herausgezogen hatte. Die kriminelle Erleuchtung ist doch immer das Gleiche in all ihren verschiedenen Erscheinungsformen wie Prophetentum, Wesensschau, Bekehrung, Nahtoderfahrung, Realisierung, Neugeburt, Erlösung, Befreiung und Bilderstürmerei. Der Jesuit, der obigem Statuendieb die Erleuchtung bestätigt hatte, hat ihn, so erzählte mir der Dieb, in einem Brief ermutigt und angespornt, sein richtiges Verständnis der Erleuchtung hochzuhalten gegen den um sich greifenden Missbrauch von Meditation als eine Art Mentaltraining und mindbuilding. Dann liegt es ja tatsächlich nahe, mit einer Axt die heilige Eiche zu fällen oder die alten Buddha-Statuen zu sprengen. Ausgerechnet die Buddhafigur, die explizit die Erleuchtung symbolisiert, hat dieser absolut uneinsichtige, kriminelle Erleuchtete gestohlen und dadurch die Kriminalität der Erleuchtung selbst demonstriert.

Aber hier noch ein Punkt für den Statuen-Dieb. Sämtliche Bilder Buddhas wurden erst Jahrhunderte nach seinem Tod konzipiert und zwar parallel mit dem Entstehen von religiösen Machtstrukturen. Anfangs behalf man sich mit seinem Fussabdruck. Die Baby-Statue entstand sicher zu allerletzt. Ist es da nicht geradezu geboten, sie als erste zu stehlen? Oder - noch besser - gehört sie nicht ins Museum? Zusammen mit allen Religionen!


Das neugeborene Buddha-Baby
(Abbild der Erleuchtung)

Hanamatsuri

Kleiner Wand-Altar des neugeborenen Buddhas
im Eingangsbereich eines Zen-Klosters



Kapitel zwei

Die Fake-Erleuchtung

Wenn jemand in einem Nebensatz nuschelt: ... damals, als ich meinen ersten Koan löste, ... und gleichzeitig in seinem Teeheft aber schreibt: Ich habe keine besonderen Fähigkeiten und keine Erleuchtung, dann vermutet man, hier handle es sich um allertiefste Weisheit (Ausser der Urasenke-Teeschule war er auch Schüler des Zen-Meisters Hirata-roshi, der deutsch spricht. J.D.). Heute ist doch jedem New Age Interessenten bekannt: Wer einen einzigen Koan löst, hat alle verstanden und hat Satori bzw. Kensho, die Wesensschau, den Durchbruch, die Erleuchtung erlangt. Alle weiteren Koans dienen nun nur noch der Vertiefung und Festigung.

Andererseits weiss der fortgeschrittene New Ager, alle Koans sind vollkommen sinnlos und absolut unlösbar und die Erleuchtung ist nur wieder eine Fessel, wenn auch nicht mehr mittels einer eisernen, sondern einer goldenen Kette. Hier beginnt nun die Zen-Rabulistik und ein Außenstehender ist schlechterdings völlig unfähig, Gold von Talmi zu unterscheiden.

Man sieht nur Paradoxien und folgert: Anything goes. Je verrückter, umso erleuchteter. Bei den Zen-Mönchen hat sich ein ganz besonderer Stil herausgebildet, der enorm attraktiv ist, weil er alle Hemmungen beseitigt, wie gemacht für Fake und Postfaktik. Faszinierend in hohem Maße.

Der Tee- und Zen-Lehrer, von dem dieses Kapitel handelt, hat die Menschen enorm beeindruckt, nicht nur - aber auch - durch seine Computer-Kenntnisse, sondern durch seine erfrischend freie und scheinbar großzügige Art, mich auch. Bis ich - viel zu langsam - bemerkte, dass diese Großzügigkeit u. a. auch die Wahrheit auflöste. Er war Gast in meinem Haus, erzählte aber überall rum, es sei seines und er habe es selbst restauriert, wo ich doch Jahrzehnte daran geschuftet hatte. Aber statt jetzt lange und breit meine Erfahrungen mit ihm zu schildern, nur ganz kurz, was geschah, als ich ihn endlich raussetzte. Er montierte tatsächlich die Lampen ab, Le Klint Papier-gefaltete Lampen, die ich von Segelfahrten aus Dänemark mitgebracht hatte. Und ebenso die Fensterrollos! Und für die Ikea-Küche, die ich gekauft hatte, wollte er Geld haben. Als Beleg zeigte er mir seine Steuererklärung, wo er sie als Betriebsausgabe geltend gemacht hatte. Nun verstand ich erst, warum er damals die Rechnung von mir erbeten hatte. Das ist die hohe Kunst: Eine Lüge mit einer anderen Lüge zu beweisen!

Es dauerte lange und kostete mich unzählige Bitt-Besuche, bis er endlich die unrechtmäßig mitgenommenen Dinge wortlos zurückbrachte. Aber sein Blick sprach Bände: Unerleuchteter Kleinkrämer!

Und das Tolle: Im Stillen gab ich ihm sogar Recht, anstatt zu fragen, wo denn die Entschuldigung bleibe. Seine mitreißende Art und seine unerschütterliche Selbstgerechtigkeit faszinierten mich ebenso wie alle Leute, die ihn trafen. Es brauchte einen Freund, der von Zen und Erleuchtung unberührt war, mich zur Besinnung zu bringen. Dieser Freund war sein Nachfolger in meinen Gästezimmerchen, und er half mir später wirklich beim Haus-Renovieren. Aber erst mal musste er einen über 2 Meter hohen Abfallhaufen, den der Herr Teemeister hinterlassen hatte, sortieren und entsorgen, was ihn tagelang beschäftigte.

Ausgerechnet als ein anderer Freund anrief und mich auf eine gerade laufende Radiosendung hinwies. Dort ging es um Ordnung-halten und dabei kamen verschiedene Zen-Weise zu Wort und ausgerechnet mein Teemeister wurde da als Meister der Ordnung und der Bescheidenheit hingestellt. Da hatte er doch auch die ahnungslosen Redakteurinnen des Rundfunks umgarnt. So wie mich.

Nur Dank der Hilfe meines neuen Hausgastes und dessen gerechtem Zorn über die Rücksichtslosigkeit seines Vorgängers kam ich wieder zur Vernunft und zur Einsicht, wie leicht wir uns alle doch verführen lassen, wenn Paradoxa Weisheit und Freiheit simulieren. Aber zornig wie sein Nachfolger kann ich trotzdem nicht über ihn sein, im Gegenteil. Dankbar bin ich ihm für eine amüsante Zeit und eine Augenöffnung für die Gefahren von Weisheit und Erleuchtung, zu einem Fake zu werden durch uns, die kritiklosen Verehrer. Der Fehler lag doch wieder mal ganz eindeutig bei mir!

Mögen alle Menschen glücklich sein!


Dieses Kästchen stand in meinem Haus und hat jahrelang funktioniert, nur der Teemeister hat nie etwas hinein gelegt. Und als er auszog, klaute er u.a. nicht nur alle meine Lampen und Fensterrollos, sondern auch diese Idee, weshalb ich schleunigst heim eilte und bei mir das Kästchen entfernte. Dieser frühere Magier und Illusionist ist sich treu geblieben, nur dass er heute nicht mehr in Nachtclubs als Zauberer Haasino auftritt, sondern als Zen- und Teemeister esoterische Damen, trumpe Anhänger und leichtgläubige Journalisten verzaubert. Vor mir hat er sich dadurch entzaubert, dass er als Gast in meinem Haus unseren wertvollen Meissner Ofen so unachtsam anheizte, dass die Kacheln schlimme Risse bekamen, gerade so wie mein Bild der Urasenke Teeschule und Zen überhaupt.


Kapitel drei

Die Natur-Erleuchtung

Deswegen der Titel, weil von Soen-roshi, meinem alten Meister, gesagt wurde, er habe ein Natur-Kensho gehabt, er sei schon immer - schon vor dem Zen-Training - so gewesen.

Ja, wie war er denn? Sein väterlicher Freund Nyogen, das heisst Trugbild, Senzaki, der ihn nach den USA holte, wobei ein behindertes Kind eine bedeutungsvolle Rolle spielte, der brachte es auf den Punkt: Soen sei die Liebe, pure Liebe.

Nyogen war zusammen mit seinem Mitschüler Daisetsu, d. h. Tolpatsch, Suzuki in Begleitung ihres Meisters zum legendären Konzil der Religionen in Chicago nach Amerika gekommen und dort für immer geblieben. Während Daisetsu sehr populär wurde, lebte Nyogen im Verborgenen wie ein Trugbild. Seinen Unterhalt als Tellerwäscher u. ä. verdienend. Und wenn er einmal genug Geld beisammen hatte, mietete er eine Halle, um einen Vortrag zu halten. Zufällig las er ein Gedicht vom Mönch Soen und das führte letztlich zu einem wirklichen Treffen, nachdem die zwei sich jahrelang jeweils am 21. jedes Monats über den Pazifik hinweg voreinander verneigt hatten. Am 21., weil das der Festtag des winzigen Waldtempelchen, besser gesagt, der Einsiedler-Klause war, wohin Mönch Soen so oft wie möglich ausbüchste vor der strengen Tempel-Zucht, um Gedichte zu schreiben. Und so weiter und so fort. Diese und weitere Geschichten sind an anderer Stelle doch schon ausführlich erzählt.

Um die Natur-Erleuchtung zu verstehen, muss man wissen, warum ein Japaner in ein Zen-Kloster geht. Normalerweise sind es die Söhne verheirateter Priester, die zur Ausbildung - Sutren lernen, Zeremonien, Tempelfeste, aber auch Tempelalltag wie Putzen, Kochen etc. - für einige Jahre in ein Ausbildungs-Kloster geschickt werden. Ganz selten kommt ein Novize, der kein Tempel-Erbe ist, aus eigenem Antrieb zu einem Kloster. Und dafür gibt es für Japaner nur einen "vernünftigen" Grund: seelische Probleme. Die japanische Prämisse lautet nämlich: Sämtliche seelische Probleme - in den 70er Jahren erklärten japanische Fachleute, die seelischen Krankheiten des Westens wie etwa die Schizophrenie gäben es in Japan überhaupt nicht - können durch Disziplin geheilt werden, und wirkliche und strenge Disziplin findet man am ehesten und besten in Zen-Klöstern. Dort findet man aber auch das Koan-Training, das zu dem grössenwahnsinnigen Zustand, der die Erleuchtung beschreibt, führt, wie vom Buddha-Baby ausgesprochen, siehe im Kapitel "Die kriminelle Erleuchtung". Dort steht auch, was ein grosser Zenmeister dazu bemerkte, nämlich, dass er dieses vorlaute Bürschchen sofort erschlagen hätte. Folgerichtig wird dem "Erleuchteten" die "Erleuchtung" mit allen Mitteln, notfalls auch mit dem Schlagstock, ausgetrieben, damit er schleunigst wieder "normal" werde. Das gilt entsprechend auch für die ohne Koan-Schulung spontan Erleuchteten, wenn sie zur "Heilung" ein Zenkloster aufsuchen. Laut Hakuin sollen die sinnlosen Koans Zweifel bzw. Verzweiflung auslösen, denn je grösser der Zweifel, umso tiefer die Erleuchtung, was sinngemäß dann auch für die spontane Natur-Erleuchtung gilt. Für Japaner ist es also keineswegs ein Ausweis seelischer Gesundheit, wenn jemand unverhofft in ein Zen-Kloster verschwindet. Die Vorstellungen von seelischer Krankheit und von Erleuchtung sind im Westen und im Osten doch sehr unterschiedlich. Ein Erleuchtungs-Sucher aus dem Westen, der den japanischen Visa-Beamten erklärt, dass er vorhabe, in ein Zen-Kloster einzutreten, wird keineswegs - wie er vielleicht erwartet - Bewunderung auslösen, sondern sich verdächtig machen. Ähnlich reagierten offenbar Soens Studienkollegen, als er sein Studium abbrach und in einem kleinen Zen-Tempel verschwand. Interessant und vielsagend ist nun, was dort geschah: Er wurde zum grossen Nachbar-Kloster geschickt, einen Schlagstock (!!) auszuleihen. Der Zufall wollte es aber, dass dort der Abt des Ryutakuji, dessen Abt Soen dereinst selbst werden sollte, zu Gast weilte und einen Vortrag hielt. "Was du tust, tue richtig" war der Satz, der Mönch Soen so traf, dass er gegen alle Regel seinen ersten Meister, der ihm offenbar die Standard-Behandlung hatte angedeihen lassen, verliess. "Wenn du verrückt bist, sei richtig verrückt. Wenn du weise bist, sei richtig weise." So fasste Soen-roshi später zusammen, was er nun lernte. Dagegen erfuhr er dort möglicherweise nur ein geringes Disziplin-Quantum, weil er sich dem wie geschildert so oft wie möglich in die Einsiedelei entzog, was aber letztlich dazu führte, dass der Alte ihn zum Nachfolger bestimmte. Der alte Harada-roshi hatte enge, zu enge?, Beziehungen zum Kaiserthron und sein eigentlich designierter Nachfolger beging Suizid nach der Kapitulations-Rede des Kaisers, wobei die Formulierung "Wir müssen nun das Unerträgliche ertragen" von Harada stammte. Dass der nun ausgerechnet Soen zum Nachfolger machte, wirkt wie ein Fehler-Eingeständnis. Mönch Soens grosser Traum war eine Internationale Zendo, zu einer Zeit, als Japan in Nationalismus versank. Da war er mit einem gleichgesinnten Mönch tatsächlich in Sibirien auf Goldsuche zu diesem Zweck, leider vergebens. Heute steht diese Halle in New York upstate. Gegründet von Soen-roshi und durch Spenden an ihn finanziert, gebaut von seinem missratenen Schüler Eido Shimano.

Nun endlich zu den Fotos (siehe weiter unten), die eh viel mehr sagen als obiges Geschreibsel.

Das erste erschien zu einem Interview Soen-roshis in der Zeitschrift Trizykle, offenbar in den Catskill-Mountains aufgenommen, wo er mit den Händen eine schützende Geste über junge Triebe macht. Ein wunderbares Sinnbild seines Wirkens.

Das zweite Foto ist bei uns noch bekannter und hängt als Poster bei vielen spirituell Interessierten in der Wohnung an der Wand. Ein auf spirituelle Literatur spezialisierter Verlag nutzt es zu Reklamezwecken. Es zeigt zwei Zenmönche von hinten. Der rechte unverkennbar Soen-roshi, auf einem kleinen Steg, sicherlich am Ufer des Beecher Lakes vom Tempel der Internationalen Zendo aus gesehen, das gegenüberliegende Ufer in leichtem Nebel. Dort befindet sich - auf dem Foto nicht sichtbar - eine sitzende grosse Bronze Kannon-Statue, die Soen-roshi aus Japan mitgebracht hat, vor der - und zu der wunderbaren Landschaft - die zwei sich verneigen.

Der linke, kleinere und stämmige Mönch ist wahrscheinlich Eido Schimano, Leiter der NY-Zendo. Zu seinen Vergewaltigungen von Schülerinnen ausgerechnet im allerheiligsten Dokusan-Raum, und einem deutschen ähnlichen Fall, hat der Ryutakuji-Schüler Christopher Hamacher eine lesenswerte Abhandlung mit dem Titel "Zen kennt keine Moral" geschrieben. Dort ist alles deutlich und richtig gesagt. Nur 2 Anmerkungen dazu:

Shimano Eido-roshi hat sich einmal sehr überheblich über einen anderen Zenmeister ausgelassen. Dessen Abstammungslinie sei nicht zu vergleichen mit seiner, wobei er u. a. besonders Hakuin hervorhob. Hakuins Tempel war in dem kleinen Ort Hara bei Numazu, nicht weit vom Ryutakuji, den er einst mit seinem Hauptschüler gegründet hat. Es war zur Zeit Hakuins Beginn, als ein lediges Mädchen aus dem Dorf schwanger wurde. Darüber wurde der Vater dieses Mädchens sehr ungehalten und drang darauf, dass sie ihm den Vater des Kindes offenbare. Sie wollte aber den richtigen Vater nicht verraten und in ihrer Not nannte sie den Mönch Hakuin. Als das Kind auf die Welt gekommen war, packte es der Großvater und brachte es zu Hakuin, er möge sich gefälligst um seinen Nachwuchs kümmern. Da sagte Hakuin nur "Ah so" und nahm das Kind an sich, schaffte eine Milchziege an und sorgte für das Baby so gut er konnte. Nicht lange, und er bekam den Spott von halb Japan zu spüren, woraufhin der echte Vater und die Mutter ein schlechtes Gewissen bekamen und ihm die Wahrheit offenbarten und das Kind wieder abnahmen. Abermals sagte er nichts als "Ah so".

Als die Verwaltung, so viel ich erinnere die NY Zen Studies Society, Eido-roshi wegen der Vergewaltigungen von Schülerinnen kündigte, sagte er nicht "Ah so" und schnürte sein Bündel, sondern beauftragte die teuersten Anwälte, Klage einzureichen. Wie das endete, weiss ich nicht (Es kam zu einem Vergleich und Shimano ist inzwischen als hochangesehener Gast eines grossen Zen-Klosters in Japan gestorben. Es gab also weder eine juristische noch eine spirituelle/religiöse Klärung. J.D.).

Viel wichtiger ist jedenfalls die Frage, wie steht es mit Soen-roshis Schuld oder Mitschuld an dem Fehltritt seines Schülers. Was hat er unternommen und war das genug? Da gibt es sehr harsche Kritik. (Vehemente Kritik schlug ihm auch von westlichen Schülern entgegen, als er den Suizid eines Engländers nicht verhindern konnte und bei dessen Beerdigung sagte: Wir müssen akzeptieren, dass er zu uns zum Sterben kam.)

Folgende Geschichten zeigen, wie machtlos jemand ist, der nur Liebe kennt.

Im Nachbardorf des Ryutakuji wohnte ein Bauer, der war ein hingebungsvoller Hörer des alten Harada-roshi gewesen und hatte sich in eine Art Hybris hineingesteigert, nur er habe ihn richtig verstanden. Frau und Kinder hatten ihn lange verlassen, nun suchte er den Tempel heim. Betrunken stieg er etwa in den Glockenturm und läutete stundenlang. Soen-roshi stand dabei schweigend und mit gefalteten Händen hinter ihm. Wenn der Bauer ihn endlich bemerkte, trollte sich der betrunkene Bauer knurrend. Ähnlich bei Streitigkeiten um den Grenzverlauf des Tempelbesitzes. Der japanische Kriegs-Außenminister, ein Anhänger des Tempels, hatte sich einst auf dem Tempelgrund ein traditionelles Haus als Fluchtunterkunft für sich und seine Familie bauen lassen. Einem Bauern des Nachbar-Dorfes überließ er den Hausschlüssel, dass er ab und zu lüften möge. Inzwischen war der Krieg vorbei, der Ex-Außenminister wohl gestorben oder vielleicht als Kriegsverbrecher hingerichtet worden, die Erben wussten möglicherweise garnichts von dem Haus. Dieser schlaue Bauer aber vermietete das Haus, ich wohnte auch dort, als besagter verrückter Bauer das Dorf zusammenrief und den alten Grenzverlauf einforderte. Der schlaue Bauer, der eigentlich nur der Schlüsselbewahrer des Hauses war, fühlte sich nun als Besitzer, nicht nur des Hauses, sondern auch des Grundes drumherum. Er und die Bauern des Dorfes hatten inzwischen nämlich den Tempelwald dort gerodet und ihre Orangenplantagen bis zu diesem Haus ausgedehnt. Es gab eine laute Debatte, hier der verrückte Bauer pro Tempel, contra der schlaue Bauer und die anderen. Dazwischen stand Soen-roshi schweigend und mit gefalteten Händen.

Ähnlich hilflos agierte er die Fehltritte seines Schülers betreffend. Ein einziges Mal nannte er ihn öffentlich einen Lügner, zur feierlichen Eröffnung seines Lebenstraumes, der Internationalen Zendo, erschien er nicht und eine Schülerin dort, eine Musikerin, ernannte er völlig formlos zur Zenmeisterin. Diese Frau hielt darauf keine weisen Reden oder schrieb Bücher, sondern widmete sich ganz und gar dem Beistand für die missbrauchten Frauen. (Später schrieb sie sehr wohl Bücher und hielt weise Reden. J.D.)

Übrigens hatte der verrückte Bauer durchaus einen gewissen Respekt vor Soen-roshi, jedenfalls verglichen mit seiner Verachtung für dessen Nachfolger als Leiter des Klosters, als Soen-roshi sich aufs Altenteil zurückgezogen hatte. Nachfolger Sochu, den der Bauer despektierlich nur Chu nannte, war aber auch von ganz anderer Art, alleine schon sein Bauchumfang. Einmal während des Dokusan, wenn alle Schüler einzeln den in einem fernen und besonderen Raum thronenden Meister zu einer Art Privataudienz besuchen, trampelte der Bauer mit schmutzigen Stiefeln lautstark durch die Gänge und stiess den dicken Sochu vom Meistersitz. Unvorstellbar!

Einmal wurde ich Etwas zu holen in Sochus Zimmer geschickt. Ein grosser Raum über der Küche - wohingegen Soen-roshi hoch über dem Kloster in einer Art Adlerhorst hauste. Sochus Raum war voller Gerümpel, überall stapelten sich Manga, diese Magazine mit Fotos nackter Mädchen und drastischer Comic, allerunterstes Niveau. Dazwischen ein Fernseher, laufend, obwohl niemand anwesend war, und noch farbig, damals der äußerste Luxus. Trotzdem war auch Sochu ein echter Zenmeister und ich verdanke ihm mein Leben, als er mir bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung half. Er hat mich später einige Male in Deutschland besucht, wo ich mich revanchieren konnte. Den Angriff im Dokusan durch den verrückten Bauern parierte er, indem er sich völlig gelassen auf den Boden legte!

Der Bauer endete zuletzt ja doch in einem japanischen Irrenhaus - sowas gab es also durchaus - total von Sedativa benebelt.

Einer der berühmtesten Aussprüche Soen-roshis lautete: Geht doch zu den Pflaumenblüten zum Dokusan. Auf den Meistersitz des Dokusan legte er zum Erstaunen der Schüler, die doch ihre Fortschritte im zazen mit ihm besprechen wollten, eine grosse Melone. Einem Schüler, der ihn um Dokusan bat, beschied er: Du bist immer in meinem Dokusan. Und als Dokusan-Verhaltensregel gab er aus, was ein Schüler ihm gesagt hatte: Keine Frage ist die beste Frage. Keine Antwort ist die beste Antwort.

Den himmelweiten Unterschied zwischen Soen und Sochu verdeutlicht ihr Sterben: beide beim Bad, Soen-roshi nachts alleine, im schlichten Tempel-ofuro, Sochu-roshi in einem fashionablen Onsen a la Baden-Baden.

Soen-roshis Unfähigkeit, Missbrauch zu verhindern, wird vielleicht durch folgendes Gedicht verständlich und durch die Fotos, die ich in Israel erhielt: Der Meister ist ja nackt!

Alles ist vollkommen
Offenbart
Erleuchtet
Realisiert
So wie es jetzt ist

Und weil es so schön ist, noch ein anderes typisches Soen-Gedicht, das für mich sein Sterbegedicht ist:

Ein erstes Glühwürmchen
- Ach wie traurig! -
Versuchte vergebens
Die Welt zu erleuchten.

Nun zu den Fotos. Sie wurden bei einem Besuch Soen-roshis in Israel aufgenommen und soweit ich weiss, nie veröffentlicht. Ich erhielt sie, als ich nach Israel gesegelt war, von einer Schülerin Soen-roshis dort geliehen, die kurz danach starb, sodass ich sie nicht zurück geben konnte. Alles, was ich davon weiss, ist, dass sie ein Nathan aufgenommen hat, der durch eine frühe Flucht aus Deutschland dem Holokaust entgangen war, nicht aber schweren seelischen Nöten, die - so vermute ich - Soen-roshi durch diese Fotos linderte, wodurch er wie ein nacktes Baby oder nach einer Taufe im Jordan dem von schrecklichen Erinnerungen geplagten Nathan eine Neugeburt ermöglichte. Tatsächlich soll Nathan durch diese Treffen seelischen Frieden und später einen leichten Tod gefunden haben.

Zugleich beantworten diese Fotos uns möglicherweise die bedrückenden und verwirrenden Fragen, nach Soen-roshis bestürzender Hilflosigkeit angesichts missratener Schüler. Der Meister legt sein Gewand ab, was im Buddhismus, wo die Weitergabe des Gewandes zugleich die Weitergabe der Erleuchtung symbolisierte, was im Buddhismus der Verzicht auf jegliche Weitergabe und das Weglegen jeglichen Glaubensbekenntnisses, auch und vor allem des Buddhismus selbst, bedeuten kann. Die grösste und allumfassende und endlose Freiheit von allen Arten von gigantischen spirituellen Verschwörungstheorien, genannt Religionen.

NAMU DAI BOSA

Verehrung dem grossen Boddhisattva, dies war Soen-roshis persönliches Mantra. Ein Bodhisattva verzichtet auf's Nirwana. Nirwana bezeichnet im Buddhismus das Eingehen in die vollständige und restlose Vernichtung beim Tod, sodass absolut kein bisschen Karma übrig ist, das in einer Wiedergeburt aufgearbeitet werden müsste, bevor es zur endgültigen Befreiung = Vernichtung, eben dem Nirwana, kommen kann.

Diese ganzen Vorstellungen der leidvollen Wiedergeburten hat der Buddhismus vom Hinduismus übernommen. In unserem Kulturkreis bedeutet dagegen Befreiung ewiges Leben im Himmel, das genaue Gegenteil. Ein Boddhisattva könnte, da vollkommen erleuchtet, beim Tod ins Nirwana eingehen, will aber auf eigenen Wunsch wiedergeborene werden, um anderen Lebewesen zur Erleuchtung zu verhelfen. Vergleichbar einem christlichen Heiligen, der vor der Himmelstür kehrt macht und freiwillig in die Hölle geht, den armen Seelen dort beizustehen. Das hat man zwar nie gehört, ist aber doch sehr wahrscheinlich, weil laut dem heiligen Thomas von Aquin eine der Freuden des Himmels ist, dem ewigen Leiden durch Folter und Feuer der armen Seelen zuzuschauen. Ein Heiliger kann doch unmöglich so sadistisch sein!

Soen Roshi hat nun aber die Definition eines Boddhisattva bedeutend erweitert. Der verzichte auf die Erleuchtung! Und noch eins drauf: Eben dies, der Verzicht auf die Erleuchtung, sei die wahre Erleuchtung!

Dies bedeutet nicht weniger als den Verzicht auf den ganzen Buddhismus, mehr noch, auf jegliche Religion.


       

           

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Anhang:

Tat twam asi
Du bist es
It is you

Apokryphes Soen-roku
von Zen-Meister
und
Dichter

Drachen-Wesen
Nakagawa Soen Roshi




Einleitender Hinweis von Jo Dummkopf:


Dieses apokryphe Soen-roku ist vielleicht ein passender Anhang zum dritten Kapitel, das Natur-Kensho, für Jo Treibholz' Testament. Jo Treibholz hat diese Sammlung von Aussprüchen Soen-roshis ca. 2002 aufgeschrieben und als Heftchen vorgelegt. Später wollte er noch weitere Aussprüche notieren und vor allem ein neues Titelbild dazu zeichnen, weil er die dritte dargestellte Person des Meisters unpassend fand, mit Schwert und dem drohenden Gesicht. Es scheint, er hat das nicht mehr geschafft. Dafür liegen aber zwei unfertige Manuskripte vor für ein neues Vorwort. Auch das Nachwort wollte er neu schreiben. Da hatte er Soen-roshis grosse Aufgeschlossenheit für seine westlichen Schüler und dessen harsche Kritik an seinen japanischen Schülern der Tatsache gegenüber gestellt, dass Soen-roshi nicht einen westlichen Schüler durch Inka bestätigt hat, aber fünf Japaner, einer davon von fragwürdigem Charakter, einer rundweg kriminell. Einer amerikanischen Musikerin hat er im Vorbeigehen gesagt: Du kannst deinen Freunden erzählen, dass ich dich zur Zen-Meisterin ernannte. Diese Frau hielt daraufhin keine weisen Reden oder schrieb ein Buch (später aber durchaus!), sondern widmete sich voll und ganz der Unterstützung von durch Soen-roshis Hauptschüler missbrauchten Frauen.
In gewisser Weise hat er das Gleiche zu uns allen Westernern gesagt: Das tiefste Wort des Hinduismus, die geheimen drei Worte, die Jesus zu Thomas gesagt hatte und Soen-roshi in Jerusalem zu einem jüdischen Schüler auf die Frage, ob er der Messias sei. Dass er dort in Israel vor einer Kamera seine Kleider ablegte, war kein frivoler Witz, sondern vergleichbar mit Hui-Nengs Beendigung der Weitergabe Buddhas Gewandes: Der demonstrative Verzicht auf alle äusseren Zeichen von Würde und Weisheit.















Obiges Foto eines Zen-Schlagstocks ist wie ein Schlussstrich unter Soen Roshis Worte. Mit so einem Keisaku (am Ende abgeflacht und etwas länger als ein Meter) werden in Zenklöstern die Mönche bei der Meditation mit grosser Kraft geschlagen. Soen Roshi schenkte ihn mir zum Abschied "als Wanderstab". Er hatte darauf geschrieben: Gib dem Drachen Wasser. Das bedeutet: Gib deiner Buddha-Natur richtiges zazen. Wie oben berichtet, bat er mich, ihn mit diesem Stock zu schlagen und rief dabei: Fester! Fester!
Zen ist nämlich kein Genuss und keine liebliche Idylle, wie es landauf, landab von "Zen"-Kursleitern hingestellt und gelehrt wird, sondern beim wirklichen und echten zazen geht es um Leben und Tod.
(Ein Hinweis zu Zen und zu Inka: Da das Wort "Zen" bei uns auf vielfältige Weise missbraucht wird, nicht nur für "Kurse", auch zur Verkaufsförderung wie z.B. als Name für einen Computer, wurde es inzwischen ein Erkennungszeichen von echtem Zen, dass dieses Wort strikt vermieden wird. Und wenn sich jemand selbst als Zen-Lehrer bezeichnet, sollte man ihn oder sie fragen, wer ihm wann und wo Inka verliehen hat. Sehr wahrscheinlich wird er garnicht wissen, dass es die offizielle Lehrerlaubnis ist, die Inka heisst.)

Der Autor hat als Manuskript eine weitere Sammlung von Aussprüchen und besonders von Handlungen Soen roshis notiert. Die zwei wichtigsten davon seien hier noch angefügt.

1.) Es war ungewöhnlich und einmalig, dass Soen-roshi (als Abt!) meisst zusammen mit den Mönchen ass, gemeinsam Sutren sang, mit den üblichen Handzeichen sich (eher wenig) aufgeben liess, Reiskörner und später etwas vom Spülwasser opferte, was zum Altar gebracht wurde, den Spülwasser-Rest trank, (die einzelnen Schalen waren jeweils auf besondere Weise in der nächsten Schale mit reinem Wasser mittels einem Takuan-Stückchen am Essplatz gereinigt worden) dabei singend: Dieses Spülwasser zum Schalenwaschen schmeckt wie himmlischer Nektar. Dann die Schalen trocken wischend und in dem Wischtuch einzuschlagen und mit einem kleinen zweiten Tuch abzudecken. Der einzige Unterschied zu den Mönchen war der, dass Soen roshi einen Satz schwarz lackierter Holzschalen benutzte, die Mönche dagegen schwarze Plastik-Schalen, 6 im Set, ineinander passend, von denen aber fast immer nur 3 benutzt wurden. Die selbstgeschnitzten, dicken Holzstäbchen hatten eine eigene Stoffhülle und lagen auch unter dem Abdecktuch. Dieses Abdecktuch Soen roshis hatte innen eine "Geheimtasche", in die er vor dem Essen hinter dem Tempel gesammelte Kräuter und Blätter steckte, um sie dann auf seinen Reis zu streuen. Manchmal sammelte er dafür auch Pilze, einmal ungewollt einen giftigen, was er nur knapp überlebte. (Ein Symbol für seine lebensgefährliche Lehre, dazu das zweite Beispiel:)

2.) Ein deutscher Schüler war vor der rassistischen Vergangenheit (in der Gegenwart halb verborgen weiter bestehend) seines Vaters entflohen auf der Suche nach einem anderen "Vater". Als er im Ryutakuji in Japan lebte, erhielt er die Nachricht vom Tod seines Vaters und schrieb mit Soens Pinsel, als der kurz rausging, auf ein Blatt Papier: Mein Vater starb, aber er lebt. Womit er Soen als seinen Vater des Herzens adoptierte.
Soens Antwort war, dass er dem Schüler versuchte, zu zeigen, dass wir niemanden, auch nicht einen Verbrecher, ablehnen sollen, sondern sogar bestärken und so akzeptieren wie er ist, statt ihn zu verachten. Er selbst erlebte und praktizierte diese ungeheuerliche und wahnsinnige Aufgabe bei seinem kriminellen japanischem Hauptschüler...




(Hier zum Abschluss noch 2 Auszüge, vom 12. und vom 13. Dez. 2015, aus Jo Treibholz' Logbuch Nr.18 von seiner letzten Reise J. D. ):


Koan-Zazen (die spezielle Zen-Meditation) ist die perfekte Methode, um verrückt zu werden.

Über Soen-roshi (meinen alten Zen-Meister) hörte ich - ich meine von Yamada-roshi (seinem früheren Schulfreund und Studienkollegen) - , er habe ein "Natur"-Kensho gehabt. Offenbar noch bevor er in Tokyo in den kleinen Zentempel eintrat. Zu Yamadas Verwunderung.

Ich reime mir das folgendermassen zurecht:

In Europa und vor allem Vorderasien, wo Bibel und Koran entstanden, sind die Halluzinationen bildhaft und vor allem wortreich. Sei es Temporallappen-Epilepsie oder Schizophrenie. Im Hinduismus ebenfalls die Bilderfülle. In Ostasien vom Taoismus bis zum assimilierten Buddhismus lösen die gleichen "Anfälle" keine Bilderfülle und Wortschwall aus, aber alle (absolut identischen) Begleitgefühle wie allergrößte Bedeutsamkeit, Sinnstiftung und "Leere"=Reinheit etc. Laotse: Wer redet, weiss nicht, wer weiss, redet nicht. Aber auch in Ostasien gibt es Worte für das eigentlich Unsagbare. Und zwar ganz kurze, wie in Haikus. Worin Soen-roshi ein Meister war. (Dazu hatte Yamada-roshi bemerkt, Soen-roshi sei zu sehr Dichter gewesen, um ein guter Zenmeister sein zu können.)

Jedenfalls folgte Soen dem japanischen Konsens und ging nach seiner "psychotischen" Erfahrung in einen Zentempel "zur Therapie"=Disziplin. Es gibt von ihm ein langes Gedicht mit Lebensrückblick, das möglicherweise damals entstand.

Und ich vermute, dass der Tokyo-Roshi (Katsube Keigaku) ihm damals erklärt hat, er sei keineswegs verrückt, sondern er habe ein Satori erlebt. Später im Schnee mit einem Freund habe sich die Satori-Erfahrung mehrfach wiederholt.

So wie im Westen (und im Westen Asiens) die Halluzinationen, die heute als Geisteskrankheiten bzw. deren Symptome behandelt werden, einst als religiöse Offenbarung angesehen wurden, so galten sie im Osten als Erleuchtung.

Auch Harada-roshi hat Soen-roshis Natur-Kensho offenbar anerkannt. Dort hat Soen dann aber auch - allerdings nur sporadisch - die Koan-Schulung erlebt. Aber sie war ihm viel weniger wichtig als Yamada-roshi, der die Erfahrung nicht spontan, sondern durch und nach Koan-Training bei Yasutani-roshi fand.

Und was ist mit dem Nahtoderlebnis? Es ist das Gleiche. Jeder findet im Super-Stress des Sterbens die Erleuchtung bzw. das Tor zum Paradies, das torlose Tor.

Inspiriert von Julian Jaynes kann man sagen, was früher den Propheten und den Buddha auszeichnete, wird heute als seelische Krankheit behandelt. Dabei war es noch davor Allgemeingut. Die grossen Religionsgründer waren schon "letzte Mohikaner", als die Allgemeinheit diese frühen seelischen "bicameralen" Strukturen abgelegt hatte. Im Westen wurden diese "Seher" verehrt, im Osten wurde eine Methode entwickelt, diese Anfälle zu domestizieren d.h. zu provozieren und wieder abzuschalten, so wie die Rücknahme beim autogenen Training eingespurt wird=Mu sho bo nin (japanische Aussprache des Fachbegriffes für die Rücknahme der Erleuchtung, den W. Gundert mit das geduldige Ja zur nichtentstandenen Dinglichkeit übersetzt hat, man könnte sagen ... zum grauen Alltag J. D.). Unsereins Morgenlandfahrer sind oft wie Soen-roshi bipolar, manisch depressiv. Er sagte zu mir einmal (nach einem seiner häufigen, bisweilen monatelangen Rückzüge), seine "Krankheit" sei keine Krankheit. (Das hatte sein Tokyo-Roshi sicherlich genau so einst zu ihm gesagt.) Er habe weit hin und her reisen sollen (er meinte New York und Israel), sei stattdessen aber weit runter und hoch, in die Hölle und in den Himmel gereist. Jetzt sei er "auferstanden" und gesund. Dazu passt seine Zeremonie vor dem zazen: Weit zu beiden Seiten sich hinzuneigen, bevor er in der Mitte aufrecht verharrte. Ich sah ähnliches nie bei einem Anderen.

Der mittlere Weg ist der Zustand zwischen Himmel und Hölle, Erleuchtung und Stupor, den Soen-roshi bisweilen gefunden hatte.

Dazu passt die merkwürdige Aussage japanischer Psychiater: Schizophrenie bzw. die «westlichen» Geisteskrankheiten gäbe es dort garnicht bzw. sie seien heilbar durch Disziplin und eiserne Härte. Sie gibt es jedoch genau so, sie werden aber durch diese übermenschliche Disziplin gezähmt und bleiben stumm. Die Leere, das Nichts...

Während wir in diesen Gefühlen gefangen bleiben, sodass es zum Krankheitsbild kommt.

Das ist nun tatsächlich eine Art Resümee der Reise geworden. Nur, wo steht Eido Shimano (der missratene Schüler Soen-roshis) dabei? Das war doch eigentlich die Frage, über die ich mir auf dieser Reise klar werden wollte. (Am folgenden Tag schrieb Jo Treibholz über Eido Shimano, den Soen-roshi als Zenmeister und Abt installiert hatte und der Schülerinnen sexuell missbraucht hat. J.D.)

Über Shimano doch noch etwas:

Bekanntlich ist zazen auch Sex-fördernd. Das, kombiniert mit der Selbstgerechtigkeit und Zweifelsfreiheit des Erleuchteten reicht völlig zur Erklärung.

Sogar Soen-roshi habe im Verborgenen Frau und Kinder in Tokyo gehabt. Allerdings ist im Soen-roku keine Rede davon. Das Soen-roku ist ja Shimanos Werk und er ist bestimmt nicht motiviert, das Thema offen zu behandeln. Soens Asche wurde 3-geteilt zwischen Tempel Ryutakuji, Internationaler Zendo und seiner Familie. Was sein Bruder sei. Sonst erfährt man wenig von «seiner» Familie. Da waren aber einige. Ich sah die grosse Gruppe bei der Zeremonie für seine Mutter.

Es war da, als Kohei (der verrückte Bauer aus dem Nachbardorf) erschien und sich seitlich abseits neben mich setzte. Kohei machte abfällige Bemerkungen zu Soens Rede und zündete (in der Hondo!) eine Zigarette an. Die Familie schaute auch mich sehr vorwurfsvoll an, weil ich keine Versuche machte, Kohei zu mässigen.

Soen-roshi hörte dann früher auf und sagte: Jemand meint, es sei genug. Dann opferte er Weihrauch. Nach ihm die Familie. Aber Kohei drängte sie brutal weg und sich vor.

Es war dieser Kohei, der mir in grosser Gewissheit und zustimmend erzählt hatte, Soen habe in Tokyo eine richtige Familie, eine eigene. Aber warum geheim? Viele Äbte waren offiziell verheiratet. Wie Yamada-roshi, dessen Sohn sogar sein Nachfolger wurde, wie Tempelsöhne immer. (Wobei Yamada-roshi Begründer einer solchen Dynastie war.) Soen-roshi äusserte sich auch einmal sehr positiv über Sex. Und für Erleuchtete gelten wie für Mohammed einschränkende Regeln bekanntlich nicht. So wie Shimano seine Frau fand, widersprach jeder Regel, nämlich beim Takuhatsu (Bettelgang).

Dass Soen-roshis Frau und Kinder so absolut im Geheimen blieben, ist völlig rätselhaft. Einzig dadurch zu erklären, dass der Vergewaltiger Shimano das Thema Frauen auch und vor allem ihn selbst betreffend, strickt mied. Oder es ist doch nur eine unwahre Geschichte von Kohei, was aber genau so schwer vorstellbar wäre.

Die Vorwürfe der die Internationale Zendo in Protest verlassenden Schüler betrafen ja nicht nur Shimanos Sex-Fehltritte, sondern 2 weitere Punkte: Finanzen und Soen-roshi. Er bzw. seine Frau hätten Geld abgezweigt. Seine Frau hat ausgerechnet missbrauchte Schülerinnen damit entschädigt und ruhiggestellt. Und Shimano habe Soen-roshi schlecht gemacht. Aber warum hat er dann nie Soens Geheim-Familie öffentlich gemacht?

Diese Vorwürfe passen jedenfalls gut zur Hybris eines Erleuchteten. Für ihn gelten die Regeln, auch Anstandsregeln, nicht. Er darf alles. So einfach war es wohl mit Shimano. Bei einem Lehrer, der lehrte: Alles ist ... OK, so wie es jetzt ist. Sogar Hitler war ein Glücksfall, weil er das Musical Fiddler on the roof irgendwie mitverursacht hatte. Ohne ihn hätte es dieses Musical, das Soen-roshi 8 mal besuchte, nie gegeben.

Hamacher weisst auch auf die korrumpierende Machtposition, die das Inka-System dem Meister gibt, hin. Fazit: Zen muss demokratisiert werden. Eine unmögliche Aufgabe!

Doch! Auch da hat Soen-roshi daran gearbeitet. Alle und Alles sind bereits erleuchtet (erlöst, realisiert ...). So steht es bereits in den Sutren. Nur er in dieser Klarheit sprach es aus und bat die Schüler, ihn zu schlagen. Fester! Es war die übertriebene Privatisierung der Erleuchtung in Yamada-roshis Gruppe, die mich immer abgestossen hat. Und das Drängen der «Erleuchteten», es auch zu suchen. Wie Zeugen Jehovas.

Genug davon! Die Shimano-Sache ist trotzdem noch völlig unklar. Vielleicht ein Fanal. Dass sowas unweigerliche Folge von sowas ist. Und Anlass, die ganze Zen-Tradition, jedenfalls im aufgeklärten Westen, ein für alle mal zu beenden.


       

Taschenaltärlein Vorder- und Rückseiten




Zuletzt bei der Gelegenheit einer Überarbeitung dieser Homepage im Frühjahr 2021 noch eine Art Resumee zu den schockierenden Vorkommnissen im amerikanischen Zen und zur bangen Frage von Soen roshis Mitschuld.

Jedenfalls ist das Zen heute im Westen schon insofern demokratisiert, als es durch viele Bücher, beginnend mit Kapleaus 3 Pfeilern, bei uns nicht wie von Suzuki Daisetsu gelehrt eine originelle, tiefe, wissenschaftlich/rationale aber auch elitäre und sogar snobistische Sichtweise ist, sondern ein harter Übungsweg zur ultimativen Erfahrung der Erleuchtung für jedermann und -frau.

Nun gab und gibt es im Osten Traditionen für allzu radikal Erleuchtete, die sich weigerten, bescheiden als Seelsorger für die Allgemeinheit tätig zu werden wie Priester bei uns. Das waren die Yogis im Himalaya, Einsiedler und Originale aller Art wie Fuke (Pu Hua), Hotei (Pu Tai) und viele andere. Solche Traditionen gibt es bei uns nicht, sondern solche absoluten Exzentriker landen im Irrenhaus, allenfalls Künstlern wird ein gewisses Mass an Verrücktheit zugestanden. Wobei es bei manchem Bohemien auf Messers Schneide ist, wo er zuletzt landet. Dass mein Meister Soen-roshi nicht diesen radikalen Sonderweg ging, sondern Klosterabt wurde, war der zentrale Fehler, aus dem sich viele weitere Fehler und grosses Unglück bis Kriminalität und zuletzt sein Suizid ergaben. Schuld an diesem Missgriff war der nationalistische Krieg, die Verstrickung des alten Abtes mit den Kriegshetzern und der Suizid seines designierten Nachfolgers, der Japans Kapitulation nicht hatte verwinden können. Dass dieser alte Abt danach Mönch Soen bat, sein Nachfolger zu werden, war ein Fehlereingeständnis und der Versuch einer Umkehr. Eine Internationale Zendo, der Traum des Mönches Soen, war denkbar weit entfernt von Japans ethnozentrischer Verirrung.

Dies hier scheint mir der Zentrale Punkt, der zuletzt auch zu seines Schülers Eido-roshi kapitalen Fehltritten führte. Mönch Soen wollte explizit nie Abt werden, er lebte mehr in seiner Einsiedler-Klause auf dem Dai Bosatsu Berg als im Kloster, wo er daher die Ausbildung nur sporadisch genoss. Dass er trotz dieser schlechten Voraussetzungen die Abtwürde annahm, kommt von seiner totalen Unfähigkeit, Nein sagen zu können. Nicht aus Angst oder aus sachlichen Gründen, sondern aus reinster Liebe, die für ihn universale Zustimmung bedeutete.

Es war diese wirklich alles beherrschende und wirklich alle umarmende Liebe, die mich und so viele seiner Verehrer unwiderstehlich anzog, aber andere auch abstiess, was ich erst jetzt im hohen Alter zu verstehen beginne. War ich einst von Soen-roshis totaler «Heiligkeit» voll und ganz eingenommen, wortwörtlich mitgenommen und mitgerissen, so musste ich auf sehr schmerzliche Weise in den 50 Jahren, die ich nach meiner Heimkehr nach Deutschland in einem winzigen Dorf lebe, lernen, dass dieser heroische Verzicht auf jeglichen Egoismus bei normalen Mitmenschen das Schlechte und sogar Böse geradezu herausfordert, was sich danach sogar noch weiter und weiter aufschaukelt. Die Juden bei uns und überall sind ein tragisches Beispiel dafür, wie ein kleines - oft quasi zu Testzwecken - begangenes Unrecht an ihnen bald noch grösseres und immer schrecklicheres Unrecht gebiert. Aus Scham über das erste Unrecht, erschafft sich der Täter zur Selbst-Rechtfertigung eine wahnhafte Begründung für seine Untat.

Und nun der entscheidende Punkt: Falls das Opfer nicht sofort und deutlich Nein ruft und alle Mittel ausschöpft, sondern stattdessen in übergrossem Vertrauen auf die allgemeine Rücksichtsnahme und Ehrlichkeit baut, ist das leider oft ein Bauen auf Sand. Dazu ein Beispiel: Als ich vor 50 Jahren ein altes Bauernhäuslein kaufte, erbte ich zudem auch den Streit der dort alleine gelebt habenden und verstorbenen Oma mit dem direkten Nachbarn, um einen Schuppen, den dieser Nachbar gesetzeswidrig an die Hauswand der Oma am bauen war. Ich wurde darauf hingewiesen, war aber anderweitig voll beschäftigt, sodass das alte Schema zuletzt dazu führte, dass mein Haus sogar in Gefahr geriet.

Wie kam es dazu, dass durch Eido Shimano, dem Hauptschüler meines Meisters, die Internationale Zendo und sogar das Haus des gesamten Zen in Gefahr geraten konnte? In verschiedenen Texten habe ich Eido ironisch als Takuhatsu-Flirt bezeichnet. Ironie und Verständnis wären aus «normaler» Sicht nicht angebracht. Soen roshis allumfassendes Vertrauen und radikale Akzeptanz führte auch in diesem Fall zuletzt zu der Katastrophe, für die Eido-roshi verantwortlich war, aber die sein Meister, Lehrer und Erzieher hätte - aus «normaler» Sicht - verhindern müssen, und zwar so früh wie irgend möglich.

Takuhatsu ist die Bezeichnung für den gemeinsamen und ritualisierten Bettelgang der Mönche. Im Gänsemarsch, laut Dharma rufend und hochkonzentriert verbreiten sie den meditativen Geist des Tempels in der Alltagswelt der Menschen und werden dafür mit Naturalien oder Geld beschenkt. Besser gesagt: Sie geben den normalen Menschen die Möglichkeit, Gutes zu tun, d. h. gutes Karma zu erwerben. Diese hochspirituelle Zeremonie nutzte der daran teilnehmende Mönch Eido, um mit einem Mädchen zu flirten und ein Liebesverhältnis anzufangen, das später in eine Ehe mündete. Daher nannte ich ihn Takuhatsu-Flirt, was vergleichbar wäre bei uns mit einem Sakristei-Flirt. Da wäre, gleich beim allerersten Schritt, besser gesagt Fehltritt eine behutsame Ermahnung fällig gewesen. Aber doch nicht von jemand, der den archaischen Freiheitsdrang eines Fuke lebt und der predigte: Wenn du ein Verbrecher sein musst, sei ein guter Verbrecher.

Hier noch eine möglichst kurze (da auch sehr private) Bemerkung des Autors an dieser verborgenen Stelle über Anklänge ähnlicher Erfahrungen wie sie Soen Roshi im Übermass gemacht und sogar bejaht hat. Der zugrunde liegende Gedanke gehört eigentlich ins Vorwort, wo er aber sogleich heftige Agressionen (gekoppelt mit kaschierter Vereinnahmung, wie der Autor aus eigenem leidvollem Erleben weiss) auslösen würde.

Es handelte sich bei Soen Roshi wahrscheinlich um den "Fluch" einer Hochbegabung zu extremer Originalität bzw. Genialität. (Beim Autor vergleichbar aber in bescheidenerem Umfang nämlich als Ideenreichtum.) Der argentinische Wissenschaftler Joan Madura flot. prägte vor Jahren in modischem Englisch die Bezeichnung highly original person HOP in Anlehnung an das, was eine selbst betroffene, amerikanische Wissenschaftlerin (E. Aron) HSP genannt hat, wobei das S für sensibility stand. Beide Anomalitäten, die Betroffene auch mit grösster Willensanstrengung nicht unterdrücken können, sind zum Teil verwandte Begabungen aber auch sich teilweise gegenseitig ausschliessende Zwänge, die, bei der HOP auf Kinder und Tiere, vor allem Hunde faszinierend wirken. Dagegen reagieren erwachsene Menschen auf HSP desinteressiert bis ablehnend, auf HOP mit Interesse, wenn sie selbst Ideen und Fantasie-los sind. Soen Roshi war ein Beispiel dafür, wie Ideen-Habenichtse solche ungewöhnlichen Menschen voller Begeisterung umschwärmen, sie alsbald beklauen und imitieren, um sie aber zur eigenen Exculpierung umgehend schlecht zu machen und diesen Idealisten öffentlich niedrigste Motive zu unterstellen. Dafür gibt es Tausende deprimierende Beispiele. Der Autor will es gut sein lassen mit den Andeutungen in seinen Texten über eigene Erfahrungen der Art.

Zuletzt über ein tragisches Ereignis, das vielleicht Hinweise darauf gibt, dass die angesprochenen Sonderbegabungen in viel tieferen Seelen-Schichten verankert sind, nämlich etwa im sog. Bauchhirn, sodass auch schwerste Hirnverletzungen sie nicht tangieren. (Und bewusste Unterdrückung unmöglich ist.)

Ein erstaunliches Beispiel ist Soen Roshis (willentlicher?) Sturz von einem hohen Baum in einen Bambushain, wobei Bambus-Splitter in sein Hirn eindrangen und er mehrere Tage dort bewusstlos lag, bis er gefunden wurde. Der Bambus wurde in seinem Hirn belassen, weil eine OP zu riskant sei.

Und nun das Frappierende: Seine ungewöhnliche Genialität im Gegensatz zu anderen, normalen Funktionen hatte praktisch nicht gelitten! (Ähnliches - in kleinerem Rahmen - erlebte der Autor nach einer massiven SAB.)

Diese eigentlich unzerstörbaren und beglückenden Spezial-Begabungen werden zuletzt aber regelmässig leidvoll, wenn ein betroffener Mensch versucht, seinen Platz bei den "Normalen" und in deren Hierarchien zu finden und seine Begabung selbst zu versilbern und daher üble aber erfolgreiche Plagiate und peinliche Imitate zu verhindern sucht, statt ungebunden wie ein Vogel von - nicht seinem sondern - einem Ast auf originelle Weise zwitschernd in die grosse Freiheit zu flattern.

Nakagawa Soen Roshi war als Klosterabt so deplatziert wie ein Vegetarier als Würstchen-Verkäufer. Den buddhistischen Salto rückwärts von der totalen und exaltierten Erleuchtung als hochbegabtem Haiku-Dichter zum bescheidenen und ordentlich gelebten grauen Alltag konnte und wollte er nicht tun. Und ich vermute, dass er das sehr wohl wusste, mit allergrösstem Bedauern, ja Verzweiflung, die zu Alkoholmissbrauch und schliesslich zum wahrscheinlichen Suizid führte. Jedenfalls, wenn sein für einen Zenmeister relativ früher Tod tatsächlich ein Suizid war, dann nicht wegen missratener Schüler, sondern wegen eines letztlich tragisch misslungenen eigenen Lebens. (Der Autor muss sich fragen, ob er nicht einer Projektion seines eigenen Versagens erlegen ist.)

Mit zunehmendem Alter wurden seine Rückzüge in die Abt-Klause immer häufiger und länger. Ganz offensichtlich floh er bzw. verbarg er sich vor schmerzlichen Entscheidungen. Etwa wenn eine besuchende Amerikanerin sich unsterblich in ihn verliebt hatte und um seine Klause schlich und seinen Namen rief. (Das wirft auch einen erhellenden Lichtstrahl des Verständnisses auf das Gerücht, er habe in der Nachbarstadt Frau und Kinder gehabt, einfach weil er nicht Nein sagen konnte.) Oder wenn er eine Abordnung der Schüler Eido Roshis die ihm über die dortigen Misstände berichten wollten, durch Rückzug in seine Klause zwang, unverrichteter Dinge zu dem Tempel in NY upstate nicht zurückzukehren, sondern ihn demonstrativ für immer zu verlassen.

Dort in dem neuen, herrlichen Tempel in den Catskills mountains, den Soen Roshi gegründet hatte, aber dessen feierlicher Eröffnung, der Erfüllung seines Lebenstraumes, er ferngeblieben war, hing im Dokusan-Zimmer, wo Eido Shimano seine Schüler und Schülerinnen einzeln empfing, an der Wand ein überlebensgrosses Foto von Soen Roshi. Und ausgerechnet dort hat Eido Roshi Schülerinnen missbraucht! Die zu seinem Dokusan gekommen waren.

Und es ist anzunehmen und zu befürchten, dass dieser eingebildete After-Meister seine Untaten als Schock-Therapie zum Zwecke des Auslösens einer Erleuchtung rechtfertigte. Wobei er sicherlich wegen der Catskill-Berge Bezug nahm auf den chinesischen Meister Nan-chüan, der um seine Schüler aufzurütteln, vor deren Augen eine Katze getötet hatte. Gegen jede buddhistische Regel.

Ich muss mich fragen, was von meiner kritiklosen Verehrung Nakagawa Soen Roshis bleibt und ob da überhaupt irgendetwas Bedeutendes bleibt. Seine herrlichen Haiku-Gedichte bleiben. Aber es ist die ungeheuere Tragik des Zen-Lehrers Nakagawa Soen Roshi, dass seine geradezu himmlische Lehre so schändlich missbraucht und dadurch besudelt und letztlich zerstört worden ist.

Ach! Wer weiss denn, ob er uns nicht «nur» die grosse, grosse, die unendliche Freiheit schenken wollte, uns frei machen von unserer kindlichen Verehrung für ihn, für Zen und den ganzen Rest...


Seit ich in das Kloster eintrat
weiss ich:
Mein Leben ist weniger
als ein Tautropfen an einem Grashalm
 Soen 



Senf-Blüten!
Da ist nichts übrig,
um es wegzuschmeissen.
 Soens Sterbe-Gedicht 



NAMU DAI BOSA




Auf obigem Ausschnitt eines Bildes, das ich einst auf die Wand unseres Meditationsraumes gemalt habe, scheint das Segel der Golden Wind für den NO-Passat auf der falschen Seite zu stehen. Die Zeichnung erzählt aber eine Geschichte: GW hat eben eine Halse gemacht, und ist, wie das gerade durch den Wind gehende Heck erkennen lässt, dabei, nach Süden zu drehen, um dem drohenden Squall auszuweichen, danach wieder nach Westen zu halten und das Segel zurück nach Backbord zu nehmen. Dieses geduldige Umschiffen von Schwierigkeiten stellt ein Sinnbild dar für eine weise Art der Lebensführung.




In grösstmöglicher Distanz
Zu den Herrschenden
Menschen wie Meinungen:
Das ozeanische Gefühl
Von grenzenloser Freiheit!







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